„Don´t be so shy“: Warum Introvertiert sein unterschätzt wird

„Hi, ich bin Janina! Ich mag keine großen Parties und überhaupt keine größeren Gruppen, es kann also sein, dass ich die ein oder andere Verabredung in Zukunft absage, weil ich gerne Zeit mit mir selbst verbringe. Ich hoffe, das stört dich nicht und wir werden trotzdem gute Freunde!“. Genau so würde ich mich manchmal gerne bei fremden Menschen vorstellen – besonders bei Menschen, bei welchen absehbar ist, dass wir uns gut verstehen könnten. Das würde mir eine Menge Erklärung, die ein oder andere Notlüge und ein manchmal leicht abweisendes Verhalten ersparen. Klingt fies? Ich meine es gar nicht böse, sondern nur ehrlich, denn: Ich bin ein recht ruhiger Mensch, genau genommen: Introvertiert.

Doch was heißt das eigentlich, introvertiert zu sein? Du denkst jetzt sicher, dass ich total schüchtern bin und nie aus mir herauskomme, sondern mich in meinem Bett einrolle und dort Freitagabende verbringe. Ich kann dich beruhigen, dem ist nicht so – obwohl ich nach dem Myers-Briggs-Indikator einem INFJ-Typ entspreche.
Introversion – das klingt wie eine Krankheit, meint aber eigentlich nur eine Persönlichkeitseigenschaft. Sie ist das Gegenteil von Extraversion.

Der Unterschied zwischen Extrovertierten und Introvertieren liegt darin, dass Extrovertierte die Gesellschaft anderer Menschen brauchen, von ihr aufgeladen und belebt werden, während das für Introvertierte oft anstrengend und ermüdend, ja kräftezährend sein kann. Extrovertierte sind nach Außen gekehrt, Introvertierte geben dem Innenleben den Vorzug.
Auf einer Veranstaltung zu sein ist, wo jede Menge anderer Menschen sind und ich mit vielen (fremden) Menschen reden muss kann durchaus als Äquivalent zu „Ich renne einen Marathon“ gelten. Soziale Interaktion kann ganz schön energieraubend sein, wenn man introvertiert ist.

Introviertiert? Von wegen schüchtern!

Extrovertierte sind oft laut und Introvertierte werden oft sehr schnell müde davon. Das ist dann doof, wenn man auf einer Party herumhängt und darauf wartet, dass man gehen kann, ohne dass es unhöflich wirkt, während deine Freunde eigentlich lieber so richtig feiern wollen. Überhaupt: In größeren Gruppen (6 Leute+) zu sein, besonders mit Menschen die man nicht kennt, gibt mir ein Gefühl von Unsicherheit. Ich bin dann die Person, die ruhig auf der Couch sitzt, die anderen beobachtet und nur selten etwas zum Gespräch beisteuert. Ich mag es dann, wenn sich eine einzelne Person neben mich setzt und mit mir alleine redet. Dann muss ich mich nicht in der Gruppe behaupten, bin aber auch nicht außen vor. Ich mag es ruhig, aber trotzdem in Gesellschaft.

Das heißt nicht, dass ich schüchtern bin. Ich kann sogar ziemlich gut aus mir herausgehen und genieße es, mit anderen Leuten zusammen zu sein. Besonders, wenn irgendwie eine peinliche Stille eintritt, weil sich niemand traut etwas zu sagen, dann bin ich häufig diejenige, die als erste den Mund aufmacht und versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen. Manchmal mag ich es sogar, vor anderen Menschen einen Vortrag zu halten und Wissen zu vermitteln, auch wenn ich dann vielleicht rot werde.

Trotzdem bin ich gerne allein und komme super mit mir selbst klar. Ich brauche, besonders wenn ich ein paar Tage viel mit Freunden und größeren Gruppen unterwegs war, meine Ruhe. Ich habe dann gerne einen sicheren Platz, einen Ort, an dem ich auftanken kann. Das ist häufig mein Zimmer, die Natur oder eine Bibliothek. Ich brauche es einfach, für mich zu sein und zu lesen, zu schreiben, Serien zu gucken und diese typischen „Ich bin allein“-Aktivitäten zu machen. Gedankenschlösser zu bauen finde ich dann super.

I think a lot but i don´t say much

An die Extrovertierten: Es ist normal und hat nichts mit euch zu tun, wenn ich – oder andere introvertierte Menschen – leise bin oder nicht irgendwo hingehen will und einen gemütlichen Abend zu Hause vorziehe. Du kannst mir dabei gerne Gesellschaft leisten.
Ich meine es nicht böse, wenn ich Parties und Verabredungen absage und dir vielleicht so das Gefühl gebe, mir ist unsere Freundschaft nicht wichtig oder dass ich gar Menschen nicht mag. Im Gegenteil: Ich mag meine Freunde, ich brauche sie sogar sehr, aber ich verbringe nun mal lieber Zeit mit den Menschen, die ich bereits sehr gut kenne.

Und: Nichts daran ist falsch so zu sein oder so zu denken. Es ist kein Makel, keine Persönlichkeitsstörung, sondern einfach ein Charakterzug in der Art wie ich (und jede Menge andere) Informationen erlebe und verarbeite. Extrovertiert sein ist nicht die Norm und introvertiert sein das unschöne Gegenteil – nein, beides ist normal und es ist vollkommen ok ruhig zu sein.

Natürlich ist es auch normal nicht extrovertiert oder introvertiert zu sein, sondern „in der Mitte“ zu liegen, also beide Charakteristika aufzuweisen.
Sei wie du bist und umgib dich mit den Menschen, bei denen du dich wohlfühlst. Lass dumme Kommentare von anderen, warum du denn so still bist und mehr beobachtest als handelst, einfach nicht an dich heran. Nicht jeder kann eine Partykanone, Mr. Selbstbewusst oder der Klassenclown sein. Du bist super, wie du bist – auch wenn du nicht viel dazu sagst.

4 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt hätte ich mich selber nie als introvertiert bezeichnet. Aber ich habe mich wirklich in deinem Text wiedergefunden. Ich bin ungerne in großen Gruppen, vor allem, wenn ich die meisten Leute nicht kenne. Genauso wie du, bin ich dann unsicher. Trotzdem habe ich an sich keine Probleme mit Menschen. So wie du, gehe ich auch in entsprechenden Situationen aus mir heraus. Trotzdem kann ich wirklich auch mal sehr gut alleine entspannt zuhause bleiben. Ich muss mich wirklich mit dem Thema auseinander setzen, aber vielleicht bin ich ja auch einfach ein eher introvertierter Mensch.

    P.S. Ich habe deinen Blog eben erst entdeckt, aber er gefällt mir wirklich gut! Dich werde ich auf jeden Fall häufiger besuchen 🙂

  2. Ein sehr schöner Artikel. Ich bin auch ein eher introvertierter Mensch und sehe viele Parallelen zu Dir. 🙂

    Liebe Grüße,
    Lisa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.