Shortstory: Mohnblumen

Jeden Morgen brannte sein Herz wie Feuer, wenn er sie sah. Sobald der Bus an der Haltestelle zum Stehen kam und er den roten Knopf betätigte, um die Türen mit einem sanften Zischen auseinandergleiten zu lassen, begann die Lebenspumpe in ihm auf Höchstleistung zu arbeiten. Er machte den Job nun schon seit Jahren, noch nie war ihm etwas vergleichbares passiert. Meist sah er sie schon von weitem, mit ihrer auffälligen roten Jacke, die schwere Tasche mit Büchern und Wissen geschultert. Bei Regen schien sie stets zu frieren und zog den Kopf in die dunkle, trockene Höhle ihrer Kapuze zurück. Zierlich wie sie war schien sie sich dann stets vor den silbernen Perlen und den Nebeltöchtern des Himmels verstecken zu wollen. Vielleicht verbarg sie sich auch vor der Welt, vielleicht vor ihm, vielleicht vor ihrem Ziel, dass sie jeden Dienstag mit dem Bus anstrebte. Vielleicht, vielleicht. Vielleicht war ein schweres Wort in seiner Unsicherheit.

Wenn es kalt war, trug sie stets dieselbe Jacke, ein knalliges Rot. „Rotkäppchen“ taufte er sie bei Regen. „Mohnblume“ bei Sonnenschein. Denn daran erinnert ihn ihre Jacke, an Mohnblumem. Ihr Haar glänzte wie die Himmelkörper bei Nacht und ihre Augen brannten sich wie verglühte Kohlestücke in sein Gedächtnis. Niemand sonst schien von ihr Notiz zu nehmen. Manchmal wogen die Lasten des Alltags den Menschen zu schwer. Für Jeden am Morgen, der zu oft grau und trist anbrach. Für all die Leute, die Passagiere, für ihn. Für sie?

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er sie das erste Mal hatte zusteigen sehen. Sie war ebenso still und plötzlich aufgetaucht, wie sie stets in der vorletzten Reihe des Busses saß. Er beobachtete sie dann durch den Rückspiegel und hatte bereits mehr als einmal den Verkehr für sie vernachlässigt. Manchmal träumte er nachts von Mohnblumen.
An den übrigen Wochentagen, an denen sie nicht mit dem Bus fuhr, schien ihm die Welt öde und leer und wie in grauen Schlieren vorbeizuziehen. Es war stets dieselbe Route. Fünfmal am Tag. Hin und zurück. Haltestellen abklappern, dem Verkehr trotzdem. Die Schule, der Bahnhof, das Einkaufszentrum und im Sommer die Felder mit dem rote Klatschmohn.

Ohne sie war es vergeudete Zeit, auch wenn sie nie etwas anderes tat, als still aus dem verschmierten Fenster zu blicken, die Hände über der Büchertasche verkrampft. Er wusste, er maß dem Ganzen zu viel Bedeutung bei. Las aus ihrem rastlosen Blick ebenso viel wie aus den blassen Händen, die ihm jeden Dienstag das Geld für die Fahrt reichte. Immer passend, ein knappes Kopfnicken hinterhergeschickt, keine Dauerfahrkarte. Er kannte ihren Namen nicht und sie fuhr stets allein. Worte wurden zwischen ihnen kaum gewechselt. Das übliche „Guten Morgen“, ebenso wie das stete „Auf Wiedersehen“.

Diesen Morgen regnete es, in Strömen. Bindfäden spannten sich vom Himmel und er fröstelte trotz Uniform. Bereits aus der Entfernung sah er die Haltestelle und in dem trüben Alltagsgrau leuchtete ihre Jacke wie ein zarter Hoffnungsschimmer. Sein Tag, der schlecht begonnen hatte, wurde ein wenig heller. Mit quietschenden Reifen bremste er den Bus und nickte jedem einsteigenden Fahrgast freundlich zu, vor jedem Gesicht die Angst, dass es das ihre sein könnte und gleichzeitig hoffte er es. Dann stieg sie tatsächlich zu und drückte ihm das passende Kleingeld in die Hand. Sie lächelte zum ersten Mal, glücklicher als sonst.
Er sah den Grund wenige Sekunden später, während die Zeit anhielt und sich in Enttäuschung umwandelte. Fest an ihrer Hand hing ein Schatten, ein Mann, der ihm das Geld reichte, ohne ihn anzusehen, denn er hatte nur Augen für sie. Lachend erwiderte sie seinen Blick, seine Worte, seine Berührung, während sie den Gang entlang stolperte. Die Fahrt über sah er auf die Straße, konzentrierte sich wie lange nicht mehr auf den Verkehr, der heute besonders dicht schien. Am nächsten Dienstag waren die beiden wieder im Bus. Sie blass, aber glücklich. Am darauffolgenden Dienstag stieg sie nicht zu, ihr Begleiter fehlte ebenfalls. Dann war sie nicht mehr da, am nächsten Dienstag nicht, ebenso wie am darauffolgenden und auch ein Jahr später nicht.

Überraschend, als er gerade dabei war zu vergessen, stieg an einem Mittwoch jener junge Mann in den Bus ein, der ihre Hand gehalten hatte. Es war wenig Verkehr, kaum Menschen im Bus und so raffte er sich auf, sammelte sein Herz ein und fragte ihn, als er die Fahrkarte bezahlt hatte: „Entschuldigen Sie, vielleicht erinnern Sie sich an sie…ich meine, das junge Mädchen mit…mit der roten Jacke…?“ Harte Worte in der Stille, nur halbe Sätze und Gestammel. „Ja?“, der junge Mann war schon halb vorbei, als er Antwort gab und die Stirn runzelte. „Ja…ja, das war meine Freundin. Jetzt…jetzt nicht mehr. Sie ist…sie lag eine Weile im Krankenhaus. Und jetzt, nun ja…“. Er zucke die Schultern, die auf einmal traurig herunter zu hängen schienen. Die Augen beschlagen, die letzten Sätze nur abgebrochene Wörter suchte der Mann sich dann einen Platz. Vorletzte Reihe, Fenstersitz.
Er saß einen Augenblick wie betäubt hinter dem Steuer, bevor er die Bustüren mit energischem Knopfdruck schloss, losfuhr und sich seinen üblichen Weg bahnte. Auf den Feldern blühten die Mohnblumen heute besonders schön.

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