Der Zauber der langsamen Buchstaben: Slow Reading

Bei uns muss alles immer schnell gehen: Fast-Food, Speed-Dating, Fast-Life.
Wir hetzen von einem Termin zum anderen und sind atemlos, pausenlos. Es gibt immer so viel zu erledigen, das Leben voranzubringen, das Selbst zu optimieren und dabei vergessen wir vollkommen, wie diese Hektik eigentlich unsere Zeit frisst.
Die Folge davon: Ein andauerndes Stressgefühl, schlecht abschalten können, keine Lust mehr auf nichts, wenn dann doch mal Zeit da wäre. Eigentlich traurig, oder?

Eine Gegenbewegung zu diesem „Schnell-Schnell“ ist der Slow Lifestyle. Es geht darum, die Dinge langsam anzugehen, achtsam zu sein und alles (nachhaltig) zu genießen. Beispiel gefällig? In der Küche gibt´s nur noch Slow-Food. Das ist bewusst gekochtes Essen, das langsam mit Liebe zubereitet und mit eben so viel Liebe gegessen wird. Im Kleiderschrank hängt Slow-Fashion: Nachhaltige Mode, die fair produziert und bewusst getragen wird. Heißt, nicht mehr nur dem neuesten Trend hinterher hetzen, sondern das kaufen, was wirklich gebraucht und auch wirklich getragen wird.

Das klingt schön und ich versuche das Thema Achtsamkeit auf immer mehr Lebensbereiche auszudehnen. Mein neuestes Vorhaben: Slow Reading.
Denn wenn ich mich im Alltag hinsetze und bewusst ein Buch zur Hand nehme, um abschalten zu können oder weil ich für die Uni viel lesen muss, dann funktioniert das manchmal nicht so richtig.
Ich lese zwar, aber meine Augen springen zu schnell von Buchstabe zu Buchstabe, ohne dass ich den Sinn wirklich begreife. Richtig entspannend ist das nicht.
Aber: Wie kann mir Slow Reading also dabei helfen und was ist das überhaupt?

Slow Reading Bücher

Slow Reading: So geht´s

WAS lesen? 

Slow Reading klingt, als dürfte man nur noch bestimmte Bücher lesen. Dem ist aber nicht so.
Was du zum Lesen zur Hand nimmst, ist egal: Ein E-Reader ist ebenso in Ordnung wie das gute alte Buch und dann besonders praktisch, wenn man umfangreiche Bücher wie beispielsweise „Krieg und Frieden“ lesen möchte.
Technologie ist beim Slow Reading kein Problem. Es geht hier nicht um den nostalgischen Wert eines Buches, sondern dass du elektronische oder gedruckte Buchstaben bewusst liest.

Du kannst lesen was du möchtest: Fiktionale Bücher, Nicht-Fiktionale Bücher oder auch Gedichte. Gedichte sind toll, wenn man erst einmal klein anfangen möchte. Die sind nicht lang und sind trotzdem sehr intensiv, denn sie komprimieren einen großen Inhalt auf kleinste Form.

Was du nicht lesen solltest: Magazinartikel, Blogposts, die Nachrichten bzw. die Zeitung oder Twitter-News. Vieles davon lenkt ab und lässt dich immer weiter durch das Internet klicken. Darum geht es beim Slow Reading aber nicht, du sollst tatsächlich lesen und dich auf eine Sache fokussieren.

Bücher brauchen Zeit um geschrieben und gelesen zu werden, aber sie bleiben uns viel länger im Gedächtnis als so mancher Tweed und sind befriedigender als jedes elektronische Gerät, weil sie auch unser Denken schärfen.


WIE lesen?

Viele Leser überfliegen Bücher nur noch oder lesen sie gar nicht erst, sondern eher den Klappentext. Das ist schade, denn Lesen hat viele positive Einflüsse wie beispielsweise Stressabbau oder die Auseinandersetzung mit anderen Menschen in Buchdiskussionen oder Buchblubs.

Mittlerweile gibt es sogar einen Slow-Reading-Club. Die Idee dahinter: Man trifft sich, bringt ein Buch mit und liest gemeinsam, aber jeder für sich und in Ruhe ein Buch.

Doch wie schaffst du es, bewusster zu lesen? Ich muss zugeben, ich stolpere hin und wieder noch hastig über die Buchstaben, lese aber schon viel aufmerksamer und langsamer. Dabei muss ich mich bewusst zügeln, denn ich lese sehr schnell – 100 Seiten in einer Stunde? Kein Problem für mich! Aus diesem Grund habe ich ein paar Tipps zusammengestellt, dir mir persönlich sehr geholfen haben und zeigen, wie einfach Sow Reading sein kann. Eine tolle Inspiration hierfür war Meg Williams, die den ersten Slow Reading Club gegründet hat und auf dem gleichnamigen Blog über das Thema schreibt.

  1. Nimm dir Zeit zum Lesen

    So einfach ist das. Nimm dir jeden Tag mindestens 30 Minuten Zeit, in denen du nur liest. Das kann vor dem Einschlafen sein oder in der Mittagspause. Immer wenn du mal kurz zur Ablenkung auf Twitter, Facebook oder Instagram unterwegs bist: Nimm dir dein Buch und lies. Mir macht das mittlerweile viel mehr Spaß als mich durch Katzenvideos oder den Beziehungsstatus meiner Freunde zu klicken.

  1. Keine Qual der Wahl

    Hab keine 10.000 Bücher auf deinem E-Reader oder einen riesigen Lesestapel zu Hause, von dem du immer wieder Bücher anfängst, sie aber nie beendest. Wähle ein Buch, konzentriere dich darauf und bleib dabei. Ich habe zu Hause einen Bücherstapel von Büchern, die ich noch lesen möchte. Dabei nehme ich mir immer das oberste und lese genau das, ohne lange suchen und überlegen zu müssen.

  1. Fang klein an, damit du überhaupt anfängst

    Niemand verlangt von dir alle Klassiker der Welt gelesen zu haben. Es reicht, wenn du mit etwas leichtem anfängst. Das kann auch ein Schundroman sein. So lange er dich zum Lesen bringt und du dabei bleibst: Toll!
    Als Germanistikstudentin muss ich für die Uni sehr viel lesen und in meiner Freizeit blättere ich auch gerne mal in leichterer Lektüre als den deutschen Klassikern.

  1. Lese deine Lieblingsbücher nochmal

    Für manchen sind es die Harry-Potter-Romane, für andere der neueste Beststeller. Es ist schön Bücher wieder und wieder zu lesen. So kann man leicht neue Aspekte eines Buches entdeckten und ein bisschen fühlt es sich auch an, als würde man einen alten Freund wiedertreffen.

  1. Lese langsamer

    Wenn du viel online bist kennst du das sicher: Du überfliegst nur noch und scannst die Seiten nach den wichtigsten Informationen. Fokussiere dich beim Slow reading auf jede Zeile und genieße jeden Satz, indem du ihn langsam liest. Denn dafür ist jeder einzelne Satz im Buch da: Dass er gelesen wird.
  2. Liebe die Wörter

    Fallen dir beim Lesen Wörter auf, die du schön findest oder die du nicht kennst, dann schau sie nach und schreibe die dir heraus. So erweiterst du auch deinen Wortschatz. Ich habe mittlerweile eine kleine Liste angelegt und freue mich jedes Mal, wenn ich ein Wort in meinem Fremdwörterlexikon nachschlagen kann.
  1. Geh offline

    Lesen sollte die Zeit sein, in der du nichts anderes machst. Also: Handy aus, nicht nebenher im Internet surfen und ganz auf das Lesen fokussieren. So bekommst du von dem Buch viel mehr mit. Ganz oft passiert es mir, dass ich dann die Zeit vergesse. Aber das kann auch schön sein.

  1. Schreibe Tagebuch – ein Büchertagebuch!

    Führe ein Lesetagebuch. Schreibe dort hinein welche Bücher zu gelesen hast, welche du noch lesen willst und welche Sätze bzw. Zitate du besonders mochtest.

  1. Lest zusammen

    Eigentlich ist lesen ja eine einsame Tätigkeit. Aber wie wäre es, wenn du dich mit anderen zum Lesen triffst, ihr gemeinsam lest oder euch ein Buch aussucht und darüber diskutiert? Das erweitert nicht nur den Horizont, sondern man lernt auch andere Menschen kennen. Und nein, ich finde das nicht nerdig.

WARUM lesen?

Beim Lesen und dem Spiel mit der Sprache, der Handlung und den Bildern werden wir nicht nur unterhalten, sondern auch kognitiv angestrengt. Wir werden dazu angeregt, die Welt in einem ganz anderen Licht zu sehen und können Bücher beliebig interpretieren. Zusätzlich wird unser Gedächtnis trainiert, denn sich alle Charaktere und die Handlung zu merken, das ist nicht immer leicht.

In dem New York Times Artikel „Brain on Fiction“ zeigt Annie Murphy Paul auf, dass Lesen alle Arten von kognitiven Bereichen in unserem Gehirn anspricht: Die Sprachregion, aber auch die Region, die für Koordination und Gerüche zuständig ist.
Eben weil Bücher eine mentale Leistung und Engagement fordern machen sie uns klüger als alles andere, was wir lesen.

slow-reading-buch

Lesen ist Macht

Lesen macht uns nicht nur klüger, es macht uns auch zu der Person, die wir sind. Lesen schärft unser Bewusstsein und unsere Identität.
Gibt es für dich das eine Buch, das dein Leben geprägt oder dich lange Zeigt begleitet hat? Für mich sind die Bücher der Harry-Potter-Reihe die Bücher meiner Kindheit und Jugend, denn ich bin damit aufgewachsen, dass man nach jedem gelesenen Band voller freudiger Erwartung das nächste Buch herbeigesehnt hat.

Solche Bücher helfen uns, Empathie zu entwickeln, propagierte Werte anzunehmen und mit unseren Bücher-Helden zu wachsen.
Mit Empathie kommt Selbstbewusstsein. Vergleiche mit Charakteren, Geschichten und natürlich der Frage „Wie hätte ich in dieser Situation gehandelt?“ lassen uns besser verstehen wer wir sind, was unsere (politische) Einstellung ist und was wie vielleicht ändern möchten.

Lesen ist toll. Kennst du das befriedigende Gefühl, einen dicken Wälzer durchgepaukt zu haben oder die Sehnsucht, als du bei einem tollen Buch die letzte Seite aufgeschlagen hast? Lesen gibt uns einfach ein tolles Gefühl für uns selbst. Und das macht Slow Reading einmal mehr, denn dann halten wir diese Gefühle noch einen goldenen, glänzenden Augenblick lang länger fest.

Read books. As often as you can. Mostly classics.
(Michael Pollan)

Was haltet ihr vom Slow Reading? Seid ihr Schnellleser oder versucht ihr euch auch mal am Slow Reading? Welche Bücher mögt ihr?

 

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