Unsere Träume leben in Boxen oder: Was kommt nach der Uni?

Die Träume, die wir in verschlossenen Boxen tief in uns aufbewahren, sind gleichzeitig lebend und tot, wenn wir nach Jahren einen kleinen Blick hineinwerfen. Ein bisschen, wie Schrödingers Katze. Aber eigentlich ist genau jetzt der Zeitpunkt, diese Box zu öffnen. Tschüss Uni, hallo Zukunft.

Meine Familie, meine Freunde und ich denken, dass dieses Jahr mein Leben beginnt. Wirklich beginnt. Am Montag, den 23. Januar 2017 hatte ich meine mündliche Abschlussprüfung und nach ein bisschen Herzflattern und einem 30-minütigen Gespräch drückte mir mein Prüfer & Professor mit einem festen Händedruck und einem „Gratulation“ meinen Bachelorabschluss in die Hand. Und jetzt ist irgendwie alles vorbei und ich befinde mich in einem Zustand der Unsicherheit, der Ungewissheit. Ich schwebe. Und ich habe Träume.

Nun sage ich „Auf Wiedersehen“ zu den Jahren meines Unilebens, um zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Nach 13 Jahren Schule und ein bisschen mehr als 3 Jahren Universität bin ich nun endlich frei. Dieses Jahr werde ich vollends Verantwortung für mich und meine Handlungen übernehmen. Ausziehen und grenzenlose Freiheit erleben.
So denke ich manchmal, ganz verklärt, und romantisiere die Unsicherheit meiner Zukunft. Aber eigentlich war doch alles ganz schön so, wie es jetzt noch ist.

Nach meiner mündlichen Abschlussprüfung bin ich durch die hohen Gänge meiner Uni gelaufen und habe mich seltsam melancholisch gefühlt. Nostalgisch. Gar nicht erleichtert, sondern ein bisschen leer.
Die Wahrheit ist, ich habe diesen Ort schätzen gelernt. Am Anfang mochte ich die weiten Säle, die stuckverzierten Gänge und die Anonymität nicht sonderlich. Alles schrie „neu“ und machte mir Angst. Dann wurde meine Uni zu einem Platz, in dem ich unaufgeregt Dinge erleben konnte – ich bin keiner Fachschaft beigetreten oder habe hier die große Liebe meines Lebens kennengelernt, die mir bis zum Ende aller Tage im Gedächtnis bleiben wird.

Tschüss Träume?

Dafür habe ich eine tolle Gruppe aus engen Freunden gefunden, die sich mit mir durch langweilige Vorlesungen und nervige Referate gekämpft haben und die mir geholfen haben, zu der Person zu werden die ich bin – und mich nicht von der Uni verschlucken zu lassen. Ich habe Dozenten getroffen, die mir den Glauben daran gegeben haben, dass das Leben fantastisch und das eigene Fach toll ist und kein „damit kann man doch nichts anfangen!“.

Hier habe ich gelacht und mit meinen Freunden zusammengesessen und wir haben uns unser Leid geklagt. Wir haben uns in unserer Verzweiflung vor Klausuren getröstet und gemeinsam versagt, verloren, gewonnen, geliebt und gelernt. Ich habe mich sicher gefühlt – egal was draußen in der Welt passiert ist.
Tschüss zu etwas zu sagen, dass so Alltag geworden ist, ist schwierig – und tut mir im Herzen ein bisschen weh. Ich denke gerne daran, wie glücklich ich war und bin.
Es war toll, die Möglichkeit bekommen zu haben zu studieren und zu etwas Tschüss sagen zu können, zu dem ich momentan gar nicht „Tschüss“ sagen will.

Was kommt jetzt? Meine – nein unsere – Träume sind in einer Box eingesperrt. Ein bisschen, wie Schrödingers Katze. Wenn wir die Box nicht öffnen wissen wir nicht, ob unsere Träume darin gestorben oder noch am Leben sind.
Ich bin in einem „Dazwischen“-Zustand.

Meine Zukunft ist in einer Box versiegelt und wenn ich sie öffne, dann halte ich ein Ergebnis in den Händen.

Entweder bin ich in der Lage, meine Wünsche und Ziele zu erreichen oder ich bin es nicht.

Um mich herum suchen alle Antworten, aufgeregt ob ihre Hoffnungen Realität werden, aufgeregt auf der Suche nach dem Danach.
Ich weiß nicht, ob ich das bin. Ein bisschen Angst ist auch dabei. Was, wenn ich die Box öffne und meine Träume tot sind? Was, wenn da draußen nichts ist, außer diese überwältigende Zukunft mit zu vielen Möglichkeiten, was wenn das, was ich in der Uni erlebt habe, das Beste ist, was ich je erleben und sein kann?

In ihren Tagebüchern schreibt Sylvia Plath:

“I can never read all the books I want; I can never be all the people I want and live all the lives I want. I can never train myself in all the skills I want. And why do I want? I want to live and feel all the shades, tones and variations of mental and physical experience possible in my life. And I am horribly limited.”

Wie Sylvia Plath habe ich so viele – zu viele – Ziele und Wünsche, dass es unrealistisch scheint, sie alle zu erreichen. Ich möchte schreiben und zeichnen, gleichzeitig aber auch Sicherheit erleben, ein geregeltes Leben und ich möchte Reisen. Ich möchte alles erfahren: Lieben und geliebt zu werden, kühn zu sein und Triumpf zu schmecken. Zu versagen und dann mit zerschlagenen Knien wieder aufzustehen. Ich werde nie all das sein, was ich gerne wäre.

Muss ich die Box öffnen?

Leben geschieht und Dinge ändern sich und ich muss Entscheidungen treffen. Und irgendwann, irgendwann wird „morgen“ heute sein und meine Ideen werden entweder Realität geworden oder im Sumpf des Alltags und der Zeit versackt sein.

Aber, für jetzt, ist die Box noch geschlossen und alle meine Träume gehören immer noch mir. Sie existieren als realistische Möglichkeiten und wenn ich meine Finger nach ihnen ausstrecke, dann kann ich sie fast fühlen, genau hier, neben mir.

Die Box eine Weile nicht zu öffnen mag für den Augenblick beruhigend sein, aber man kann nicht für immer davon laufen. Irgendwann muss man sich seinen Träumen stellen und herausfinden, ob man sie zum Leben erwecken kann oder ob sie für immer Träume bleiben.

Die Box nicht zu öffnen heißt im Dunkeln zu leben – aber nicht im Universum.

Das Leben geht weiter. Ich kann es nicht aufhalten. Natürlich, die Träume in der Box können so tot sein wie Schrödingers Katze, aber der Unterschied zwischen dem realen Leben und Schrödingers Gedanke ist, dass, selbst wenn ich eine Chance ergreife und versage, kann ich daran lernen, wachsen und weitermachen.

Manche meiner Träume werden vielleicht nicht wahr. Dennoch kann ich aus meinen Fehlern lernen und verfehlte Möglichkeiten sind Teil dieses Prozesses. Das nennt sich Leben. Wenn ich versage, dann hat es vielleicht einen guten Grund und vielleicht entdecke ich so andere Möglichkeiten und neue Hoffnungen.

Vielleicht bin ich noch nicht bereit dieses Neuland „nach dem Studium“ zu betreten. Vielleicht habe ich Angst vor dem, was der Morgen bereithält. Aber selbst wenn das wahr ist, dann ist es immer noch meine Aufgabe selbstbewusst aufzutreten und Entscheidungen zu treffen. Das ist es, was ich tue. Ich verstecke mich nicht länger. Ich habe mir Masterstudiengänge herausgesucht und mögliche Jobangebote. Ich überlege mir, was meine Ziele für das nächste Jahr sind. Wo ich hinwilll. Was ich will. Ich habe mich entschlossen, die Box zu öffnen.

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