Ist Veganismus eine Essstörung?

Vor kurzem habe ich einen Artikel zu dem Thema Essstörung gelesen, der mich ziemlich wütend gemacht hat. In dem Artikel ging es um Magersucht, die in Verbindung mit Veganismus gebracht wurde und der Argumentation folge „viele junge Frauen werden vegan, weil sie dann die offizielle Entschuldigung haben, bestimmte Lebensmittel nicht mehr essen zu müssen“. Veganismus wäre sowieso ungesund, weil Analogkäse und andere doch recht verarbeiteten, chemischen Produkte Bestandteil dieser Ernährung seien. Und: Veganismus sei eine Mangelernährung, die als gesund verkauft würde. Stimmt das?

Das Wichtigste zuerst: Magersucht ist eine der gefährlichsten psychosomatischen Erkrankung überhaupt. Etwa 15 Prozent der Betroffenen sterben daran, der Heilungsprozess ist langwierig und Körper wie Seele können Langzeitschäden davon tragen. Davon abgesehen, dass Betroffene häufig ihr Leben lang anfällig für Hungern und restriktive Gedanken sind, auch wenn sie als „geheilt“ gelten. Es ist eine psychische Krankheit, die nicht einfach mit dem Schlucken von ein paar Tabletten geheilt werden kann.

Doch was ist eine (Ess-)Störung überhaupt?
Für mich ist eine Störung ein Abweichen von der Norm, die darüber hinaus dem Individuum schadet. Insbesondere bei einer Essstörung ist dies die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Essen. Bei Magersucht ist dies das wenig bis nichts Essen, bei Bulimie das Essen und anschließende Erbrechen und beim Binge-Eating sind es emotional bedingte Essanfälle, die im Gegensatz zur Bulimie nicht „rückgängig“ gemacht werden, was zu Übergewicht führt.

Doch was ist überhaupt die „Norm“ beim Essen? Was ist ein natürliches Essverhalten? Ist es das 3-Mal-am-Tag essen und die Überlegung, was es denn zum Abendessen geben könnte?
Wir alle beschäftigen uns ständig mit Essen – wenn wir überlegen, wie wir den Tisch decken, was wir zum Essen in die Uni mitnehmen oder was es zur Familienfeier geben könnte. Von der Werbung, die uns das beste und neueste Essen verkaufen will, einmal ganz abgesehen. Wir essen, wir kaufen zu viel und wir werfen Essen weg.

Essstörung heute: Eine Frage der Perspektive?

Viele denken auch erst an das Essen, wenn der Hunger kommt. Dann geht es vielen nur darum, den Hunger zu stillen und etwas zu essen, dass die Geschmacksnerven positiv stimuliert.
Natürlich gibt es in Wohlstandsnationen wie Deutschland auch immer mehr Menschen, die sich intensiver mit dem Essen beschäftigen, meist in Zusammenhang mit dem Thema Selbstoptimierung und Ethik. Rohkost, High-Carb, Low-Carb, Sporternährung sind nur ein paar Stichworte. Sind das dann auch alles Menschen, die eine Essstörung haben, weil sie sich fragen, was sie zu sich nehmen? Ich finde, es ist alles eine Frage der Perspektive.

Natürlich bleibt dann noch der Punkt „gesundheitlich schädlich für das Individuum“. Wann beginnt mir meine Ernährung zu schaden? Wenn ich permanent darüber nachdenke? Wenn ich meinen Wunsch nach einem schönen, gesunden Körper nicht mehr unter Kontrolle habe? Bin ich essgestört, weil ich mein Essen einschränke und nach einem bestimmten Muster auswähle?

Für mich setzt eine Essstörung dort an, wo ein zwanghaftes Verhalten beginnt, dass den Betroffenen (vielleicht auch gegen dessen eigenen Willen) einschränkt. Das heißt: Ablehnung der Lebensmittel, die man eigentlich mag, Schuldgefühle beim Essen, Verbot bestimmter Lebensmittel weil man sie als ungesund deklariert, soziale Isolation, Meiden von Essen in der Öffentlichkeit, obsessive Beschäftigung mit dem Essen und auch Probleme mit der Akzeptanz des eigenen Körpers. Ich könnte die Liste noch weiter führen, aber sie zeigt deutlich, dass eine Beschäftigung mit dem Essen und der Ernährung nach einer bestimmten Lebensform nichts mit einer Essstörung zu tun haben muss.

Essstörung gibt es bei Veganern Und Omnivoren

Nur weil ich mich mit meiner Ernährung auseinandersetze, weil ich hinterfrage, woher mein Essen kommt, bin ich essgestört? Nur, weil ich bestimmte Lebensmittel nicht esse, weil diese für mich mit Tierleid verbunden sind, weil ich „einseitig esse“, bin ich essgestört?
Ich sage ganz klar: Nein! Ich weiß es, weil ich vegan lebe und selbst einmal Probleme mit dem Essen hatte. Und ich weiß auch, das vegane Ernährung nichts damit zu tun hat.

Veganismus ist keine Essstörung, sondern eine tolle Bewegung. Eine Entscheidung, die bei vielen aus ethischen und gesundheitlichen Gründen getroffene wird, nicht aus einem Diät-Gedanken heraus. Nicht weil der Satz „Dann kannst du ja gar nichts mehr essen wenn du dich vegan ernährst!“ zutrifft, sondern weil es eine unendliche Vielfalt gibt.
Die vegane Ernährung in die Nähe von Essstörungen zu rücken und diese sogar als ursächlich zu bezeichnen finde ich falsch. Essgestörte gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Es gibt vegane Essgestörte und es gibt Essgestörte, die Fleisch essen.

Ja, als Veganer sollte man sich damit auseinandersetzen, was man isst. Aber das ist nicht das Problem. Veganismus ist für viele eine ethische Lebenseinstellung. Es geht um Leidverminderung. Auch mit einer veganen Ernährung kann ein Mensch alle Nährstoffe abdecken (+B12 als Supplement) und auch ordentlich zunehmen. Ob ein Mensch zu- oder abnimmt hängt nämlich von der Kalorienbilanz ab.

Natürlich ist nicht jeder krank, der sich gesund ernähren möchte.
Nicht jeder dicke und nicht jeder dünne Mensch ist krank, nur weil er nicht einem bestimmten, gesellschaftlich anerkannten Bild entspricht. Eine Diagnose kann nur individuell erfolgen. Relevant ist, ob die betroffene Person mit ihrer Ernährung und Lebensweise glücklich ist und diese freiwillig durchführt. So lange die Person keinen Schaden daran nimmt und dieser Schaden auch nicht nachweisbar ist – wie es bei Magersüchtigen, Bulimikern und Binge-Eatern der Fall ist – besteht meiner Ansicht nach mit jeder Ernährungsform kein Problem. Es sollte darauf hinauslaufen, dass wir unser Essen in vollem Umfang genießen. Und da ist es egal, ob wir vegan, vegetarisch oder omnivor essen.

2 Kommentare

  1. Pingback: Linkliebe № 1 - LexasLeben

  2. Schöner Text, dem ich erst widersprechen wollte und dann am Ende doch mit dir übereinstimme. Du hast recht, Veganismus ist nicht zwangsläufig eine Essstörung und auch deine Definition, was eine Essstörung ausmacht, ist schlüssig und logisch.
    Außerdem ist es wichtig, dass wir unser Essen genießen. Das sage ich immer wieder und habe ich in meiner Zeit als Ernährungsberaterin bestimmt 30mal am Tag gesagt, aber daher weiß ich auch, dass die wenigsten es tun, ihr Essen genießen.
    Essen wird immer mehr optimiert und nimmt immer mehr Raum in den Gedanken ein. Nicht bei allen, natürlich nicht, aber bei vielen. Und der Genuss bleibt dabei oft auf der Strecke. Was sehr schade ist und in vielen Fällen schädlich.

    Es ist aber tatsächlich so, dass der Veganismus von vielen essgestörten genutzt wird um ihre Krankheit zu verstecken. Aber auch andere besondere Ernährungsformen müssen da herhalten. Wenn man der eigenen Ernährungsweise ein anderes Label aufkleben kann, ist es wenigstens nach außen keine Krankheit mehr.
    Es sind also nicht viele Veganer essgestört, aber immer mehr Essgestörte ernähren sich vegan oder werden gleich Frutitarier. Das hat dann nichts mehr mit dem eigentlichen Gedanken der Ernährungs- und Lebensweise zu tun, aber das Label passt erstmal und die Umwelt gibt Ruhe und fragt nicht nach, warum man nichts isst.

    LG Lexa

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